Es war einmal………… ein Beitrag von Dr. Emmanuel Mir zur Ausstellung WIR SIND NICHT SICHER

Es war einmal eine Welt voller Sicherheit und Zuverlässigkeit. Eine Welt voller Licht. Das Innere und das Äußere dieser Welt waren streng konturiert, ihre Zeitachse war flach und geradlinig. Lebewesen und Gegenstände hatten einen Platz und eine Bestimmung; die allgegenwärtig sicht- und fühlbare Ordnung hatte eine Hierarchie im Denken und Handeln etabliert, die nur von Narren hinterfragt wurde. Die dunklen, unvorhersehbaren oder unheimlichen Bereiche dieser Welt waren bloß noch nicht erforscht und domestiziert; man wusste jedoch, dass es nur eine Frage der Zeit war, bis das Licht die letzten Winkel dieser Welt erobern würde.
In dieser Welt hatte der Begriff „Wahrheit“ eine unbestrittene und nicht-ironische Bedeutung. Die Wahrheit war eine ein für alle Male definierte, unveränderliche Monade, die sich gerne versteckte und entdeckt werden wollte. Danach zu streben war kein naives oder gar totalitäres Anliegen, sondern ein humanistisch-wissenschaftliches Projekt. Nach der Wahrheit (denn es gab nur eine Wahrheit) zu suchen war eine Wohltat. War diese Welt besser als unsere? Es war jedenfalls leichter, sich in dieser Welt zurechtzufinden. Es war leichter, das Gute vom Bösen zu trennen, den Fakt von der Mär, den Wahn von der Normalität.
Das war einmal. Heute nennen wir diese Welt „Moderne“ und schauen mit einer Mischung aus Wehmut und peinlicher Berührung auf sie zurück.

Alle Künstlerinnen und Künstler der Ausstellung „Wir sind nicht sicher“ sind nicht in dieser Welt geboren oder groß geworden, sondern in einer späteren. Sie sind in einer Welt geboren worden, in der die Chaostheorie, die Säkularisierung, die dissoziative Identitätsstörung, der Relativismus, der radikale Konstruktivismus, die chemische Bewusstseinserweiterung, die Quantenmechanik, die Schrödingerʼsche Unbestimmtheit und die kubistische Multiperspektivität, das „Anything goes“ von Feyerabend und der „Tod des Autors“ von Barthes als selbstverständliche Postulate hingenommen und verinnerlicht wurden. Eine Welt, die das Ende der reinen Vernunft, der Linearität und des Determinismus markierte und damit das Ende der bisherigen Sicherheiten. Sie haben in doppelter Hinsicht die Abwicklung der großen Erzählungen erlebt – erstens als Kinder ihrer Zeit und zweitens als Kunstschaffende, die eine natürliche Beziehung zur Mehrdeutigkeit, Offenheit und Ambivalenz unterhalten.
Diese Künstlerinnen und Künstler gehen von einer medial konstruierten Welt aus, die sich parallel zur natürlichen Welt entfaltet und zahlreiche Schnittstellen mit ihr unterhält. Dieses Gebilde existiert seit eh und je – es ist vielleicht sogar eine der Bedingungen für die Entstehung von Kultur überhaupt –, aber es ist dabei, unsere unvermittelte Wahrnehmung der natürlichen Welt zu beeinträchtigen. Wir leben immer mehr in einer Blase, in einer artifiziellen Sphäre – das Anthropozän ist nicht nur die aktualisierte Beschreibung des menschlichen Einflusses auf sein Ökosystem, sondern beschreibt auch die kognitiv-emotionalen Prozesse dieser holistischen Umformung – und unterscheiden, bewusst oder unbewusst, immer weniger zwischen Original und Nachahmung.
Dies hat wiederum mit der Entwicklung und Popularisierung von neuen Technologien zu tun, die im Ausstellungsprojekt von Ilona Hellmiß teilweise direkt benannt werden. Dank leicht zu bedienender Hart- und Software, digitalen Tools, Endgeräten aller Arten, Bots, Algorithmen, sozialen Netzwerken und User-Plattformen sind wir nun in der Lage, das Rohmaterial unserer Existenz zu transformieren, ja zu transzendieren. Wir sampeln unsere Erinnerungen und kombinieren sie neu bis zur Entstehung einer neuen Fiktion, wir interpretieren Fakten bis zur Konstituierung von alternativen Wahrheiten, wir morphen und manipulieren Bilder und führen sie in die „reale“ Welt wie Trojaner, fügen Avatare zu Avataren hinzu, duplizieren das Organische und imitieren die Kopie der Kopie einer Kopie. Alles geschieht hastig, in einer Überbietung der Mittel und der Möglichkeiten. Wir können über nichts Gewissheit haben und stellen daher alles oder gar nichts mehr unter Verdacht. Ist das ein Stück Fleisch auf meinem Teller oder eine schmackhafte und umweltrettende Simulation? Ab wann ist eine Falschmeldung eine betrügerische Fake News? Bist du ein Freund in der Not oder bloß ein Phishing-Versuch? Und, um Kippenberger zu paraphrasieren: Gibtʼs mich wirklich? Die Frage, die wirklich gestellt werden sollte, ist allerdings: Macht es noch Sinn, solche Fragen zu stellen?
Der Clou dieses mal besorgten, mal befreiten, mal mahnenden, mal resignierten Spiels mit der Unsicherheit ist die Ausstellung selbst. Als etabliertes Dispositiv im Kunstbetrieb ist die Ausstellung ein diskursiver Raum. Im schlimmsten Fall ignoriert der Raum diese spezifische Funktion und gibt sich als bloße architektonische Hülle aus; im besten Fall aber werden die Raumeigenschaften zu integralen Bestandteilen der Ausstellung und betonen deren Hauptthese. Im Fall der Ausstellung „Wir sind nicht sicher“ erfolgt sogar eine (unwillkürliche, dennoch passende) Volte: Die von Covid-19 verursachten Einschränkungen und damit den Zugang zu den Riedel-Hallen zwang Hellmiß und alle Künstler*innen umzudisponieren. Anstatt bei einem „echten“ Besuch in den realen Räumen kann die Ausstellung nur noch per Videostream vermittelt erlebt werden. Die Iteration ist perfekt. Das Medium der Reflexion ist somit auch zum Objekt geworden, das nicht nur die ästhetischen Argumente trägt und räumlich artikuliert, sondern sozusagen körperlos verkörpert. Die Aporie des Dispositivs liegt in der Unmöglichkeit/Unfähigkeit des Rezipienten, die Installationen und Objekte der Ausstellung sinnlich zu erfassen und ein vermeintliches Realitätsüberbleibsel hinter den subtil gebauten Realitätsmodellen zu entdecken.
Dieser Wink des Schicksals will uns vielleicht sagen: Es gibt kein Entrinnen. Wir bleiben in der Matrix gefangen.

Emmanuel Mir, April 2020

SPONTANER RÜCKBLICK, 01.04.2020

Von Wir sind nicht sicher zu wirsindnichtsicher.de livestreaming
Als wir das Ausstellungsprojekt „Wir sind nicht sicher“ Ende 2019 planten, ahnte niemand, vor allem die Initiatorin und Kuratorin Ilona Hellmiß nicht, dass es ein äußerst unsicheres und herausforderndes Projekt besonders in der Phase der Präsentation werden würde:
Die weltweite Corona-Infektion legte in diesen Wochen die gesamte Öffentlichkeit lahm, um den schnellen Anstieg von Erkrankungen unbedingt zu verlangsamen. Damit wurde auch der Kulturbetrieb in all seinen Sparten, der normalerweise auf persönliche Begegnung, Austausch und Publikum hin angelegt ist, komplett ausgebremst. Angesichts lebensbedrohlich erkrankter Menschen scheint dies moralisch betrachtet ein nachgeordnetes Problem zu sein – dennoch zeigte die spontane, kreative und antifrustrierte Reaktion der Künstlerszene in Wuppertal, die ja ohnehin einem kleinen gallischen Dorf ähnelt, wie existentiell wichtig letztlich auch die künstlerische Mitteilung für eine Stadtgesellschaft ist.
Vor der anstehenden Präsentationsphase in den Riedelhallen durchlebten wir ein Wechselbad der Gefühle: Es zeichnete sich bald ab, dass eine Ausstellung mit Publikum nicht mehr zu verantworten wäre. Enttäuschung und Frustration verbreiteten sich jedoch nur kurz, weil bald die Idee geboren war, dass eine „Neue-Medien-Kunstacht“ eigentlich ein natürliches Potential zur online Präsentation haben sollte. Der glückliche Umstand, dass gleich mehrere Künstlerkollegen auf streaming-Erfahrung zurückgreifen konnten, half uns dann, eine paradoxe wie komplexe Idee der Präsentation heranreifen zu lassen:
Wir überlegten, die Ausstellung wie ursprünglich gedacht, in den Riedelhallen tatsächlich aufzubauen und von dort aus ohne Publikum zum ursprünglichen Termin live zu streamen. Das neue Motto lautete also : Findet statt! Bitte kommt nicht! Doch auch diese Idee musste bald eingeschränkt werden, weil entfernt lebende Kollegen angesichts drohender Ausgangssperren nicht ihr Material in den Hallen aufbauen und zurücklassen wollten, auch der Kunstwissenschaftler konnte schließlich nicht für die geplante Führung vor Ort sein.

Die Herausforderung lautete nun: Wie können wir ein live-streaming mit nur wenigen live aufgebauten Arbeiten und wenigen Menschen vor Ort zeigen? Mehr und mehr entwickelten sich Ideen, was jede künstlerische Arbeit zur Transfomation ins Digitalformat brauchte: Es entstanden filmische Produktionen an Orten, die an eine Fabrikhalle erinnerten – aus einer Tiefgarage in Kleve etwa, wo aus einem Auto mit eingebautem Generator die nötigen Videoaufnahmen und Sounds aufgenommen wurde, Videos aus einem Bunker in Köln, die sich nahtlos in die Atmosphäre der Riedelhallen einfügten, viele Videofragmente vom tatsächlichen Ausstellungsort, die digital bearbeitet wurden – mehr und mehr entstand durch das Zusammenfügen vieler Aufnahmen ein komplexer Wahrnehmungsteppich aller Arbeiten. Zusammen gebunden wurden die Bilder durch den Kommentar des Kunstwissenschaftlers Dr. Emmanuel Mir, der die Aufgabe übernommen hatte, allein aus Fotos, kurzen Beschreibungen und kleinen Videos einen Eindruck der Arbeiten und der Ausstellung zu vermitteln.
Für die nötige Spannung und Aufregung einer „normalen“ Ausstellungseröffnung sorgten die Digitalspezialisten Gregor Eisenmann, Uwe Wiesemann und Achim Konrad, welche sich mit Lust am Risiko dem fieberhaften Zusammenschneiden und dem kurzfristigen Versenden des gesamten Datenmaterials hingegeben haben, um alles punktgenau in den livestream zu bringen – ein Thriller war nichts dagegen! Natürlich hakte es am ersten Abend an einigen Stellen, Ton und Bild passten nicht immer zusammen, es gab Pausen, manches stolperte und sprozzelte kurz vor sich hin, auch standen noch nicht alle Kommentare zu den Arbeiten. Dennoch war am Ende alles so überzeugend, dass wir unsere Kunstgemeinde vom livestreaming mit uns allen vor Ort überzeugt hatten. Nachdem unsere Nerds durch die Fehler des ersten Abends erst recht auf Hochtouren liefen, lief der zweite Abend richtig rund, ebenso wie der Abend auf der neu gegründeten Wuppertaler Plattform stew.one.
Eine Entdeckung dieser ungewöhnlichen Ausstellungsvorbereitung waren die Videokonferenzen, welche äußerst fröhlich und zudem ein sich anfeuernder thinktank waren. Daher war es naheliegend, das komplette Format dann auch mit einer solchen live-Konferenz am Sonntag enden zu lassen.
Fürs www war die Ausstellung zuende, die webseite und die links bleiben als Archiv. Die nächsten Ideen für einen neuen Digital-Analog-Mix wurden jedoch schon gleich hinter den offline-Türen angebrütet.

30.03.2020 Michaela Kuhlendahl

Jan Verbeek: Bright Future Ahead

Bright Future Ahead (16 min) – Vollbildmodus und 1080p auswählen!

Die vier Teile der Bild-Klang-Komposition zeigen sich dem Betrachter als koordiniertes Ganzes. Es entsteht eine dichte, schwebende Atmosphäre voller Ungewissheiten. Uniformierte mit Megaphonen und ihr Rufen, Gesten von Menschen in Bahnwaggons, alltägliche Bewegungen und Blicke offenbaren Menschen als Teile strukturierter Systeme. Lotosfeld, Fische und Blüten werden zu irrealen Erscheinungen. Automatisierte Handlungsabläufe verdichten sich zu ambivalenten Choreographien. Unsicherheit und Orientierungslosigkeit werden sichtbar, und der Wunsch, die Welt zu ordnen. Die Frage nach einer heiteren Zukunft bleibt offen.

Jan Verbeek, geb. 1966, studierte Kunstgeschichte, Germanistik und Kommunikationsforschung in Bonn und von 1989 bis 96 Freie Kunst bei Nan Hoover und Nam June Paik an der Kunstakademie Düsseldorf; Meisterschüler von Paik. Postgraduiertenstudium Medienkunst an der KHM Köln, 1999 Diplom mit Auszeichnung. Internationale Ausstellungs- und Lehrtätigkeiten. Einzelausstellungen mit audiovisuellen Rauminstallationen u.a. im Kunstmuseum Bonn, Museum Fridericianum Kassel, Skulpturenmuseum Glaskasten Marl, in der Kunsthalle zu Kiel und im Skip City Visual Museum Saitama, Japan.
Jan Verbeeks Videos werden weltweit gezeigt und sind Teil öffentlicher Sammlungen, u.a. des Museum of Modern Art New York. Er erhielt zahlreiche Preise, u.a. den Marler Video-Kunst-Preis, Bremer Videokunst-Förderpreis, Kunstpreis der Stadt Bonn, Preis für den besten Dokumentarfilm beim Tampere International Short Film Festival und den Musik im Kurzfilm-Preis beim Internationalen Kurz Film Festival Hamburg.

Irena Paskali HOFFNUNG

Ich mache meine Video-Performances Hoffnung bereits seit dem Jahr 2009, also seit fast 11 Jahren.  Die erste Aufnahme entstand in Moskau, auf dem Roten Platz. Mittlerweile habe ich diese Video-Performance auf vier Kontinenten, in 35 Ländern und vor ca. 40 Objekten aufgenommen. Ich drehe beim Laufen einen Kreis vor zentralen Objekten bzw. Gebäuden in der Welt, die symbolisch aber auch tatsächlich für große politische, wirtschaftliche oder religiöse Macht in unserem Leben stehen.  Dieser Kreis ist uns allen, den Menschen gewidmet, um den Fokus auf das Handeln der Protagonisten für eine bessere Zukunft für uns alle zu legen. 

Gregor Eisenmann und Achim Konrad

Kunst im urbanen Raum, Irritation von Gewohnheiten, Transformation von Gebäuden, Strukturen und Klangkulissen. Neue Realitäten. Schreiende Weite. Gefällig und verschroben. Bekannt und unbekannt. Hier treffen sich die beiden Künstler immer wieder zu Kooperationen und gemeinsamen Schaffen. Gregor Eisenmann mit seinen faszinierenden Bilderwelten und Achim Konrad mit surrealen Soundscapes.

Auswahl gemeinsamer Arbeiten:
WOGA 2014 (gemeinsam Jonas Herbert)
Eröffnung Döppersberg Wuppertal 2018 (u.a. auch mit Triptychon)

Mehr von Gregor Eisenmann:
gregoreisenmann.de

Mehr von Achim Konrad:
soundcloud.com/anna-kiste