SPONTANER RÜCKBLICK, 01.04.2020

Von Wir sind nicht sicher zu wirsindnichtsicher.de livestreaming
Als wir das Ausstellungsprojekt „Wir sind nicht sicher“ Ende 2019 planten, ahnte niemand, vor allem die Initiatorin und Kuratorin Ilona Hellmiß nicht, dass es ein äußerst unsicheres und herausforderndes Projekt besonders in der Phase der Präsentation werden würde:
Die weltweite Corona-Infektion legte in diesen Wochen die gesamte Öffentlichkeit lahm, um den schnellen Anstieg von Erkrankungen unbedingt zu verlangsamen. Damit wurde auch der Kulturbetrieb in all seinen Sparten, der normalerweise auf persönliche Begegnung, Austausch und Publikum hin angelegt ist, komplett ausgebremst. Angesichts lebensbedrohlich erkrankter Menschen scheint dies moralisch betrachtet ein nachgeordnetes Problem zu sein – dennoch zeigte die spontane, kreative und antifrustrierte Reaktion der Künstlerszene in Wuppertal, die ja ohnehin einem kleinen gallischen Dorf ähnelt, wie existentiell wichtig letztlich auch die künstlerische Mitteilung für eine Stadtgesellschaft ist.
Vor der anstehenden Präsentationsphase in den Riedelhallen durchlebten wir ein Wechselbad der Gefühle: Es zeichnete sich bald ab, dass eine Ausstellung mit Publikum nicht mehr zu verantworten wäre. Enttäuschung und Frustration verbreiteten sich jedoch nur kurz, weil bald die Idee geboren war, dass eine „Neue-Medien-Kunstacht“ eigentlich ein natürliches Potential zur online Präsentation haben sollte. Der glückliche Umstand, dass gleich mehrere Künstlerkollegen auf streaming-Erfahrung zurückgreifen konnten, half uns dann, eine paradoxe wie komplexe Idee der Präsentation heranreifen zu lassen:
Wir überlegten, die Ausstellung wie ursprünglich gedacht, in den Riedelhallen tatsächlich aufzubauen und von dort aus ohne Publikum zum ursprünglichen Termin live zu streamen. Das neue Motto lautete also : Findet statt! Bitte kommt nicht! Doch auch diese Idee musste bald eingeschränkt werden, weil entfernt lebende Kollegen angesichts drohender Ausgangssperren nicht ihr Material in den Hallen aufbauen und zurücklassen wollten, auch der Kunstwissenschaftler konnte schließlich nicht für die geplante Führung vor Ort sein.

Die Herausforderung lautete nun: Wie können wir ein live-streaming mit nur wenigen live aufgebauten Arbeiten und wenigen Menschen vor Ort zeigen? Mehr und mehr entwickelten sich Ideen, was jede künstlerische Arbeit zur Transfomation ins Digitalformat brauchte: Es entstanden filmische Produktionen an Orten, die an eine Fabrikhalle erinnerten – aus einer Tiefgarage in Kleve etwa, wo aus einem Auto mit eingebautem Generator die nötigen Videoaufnahmen und Sounds aufgenommen wurde, Videos aus einem Bunker in Köln, die sich nahtlos in die Atmosphäre der Riedelhallen einfügten, viele Videofragmente vom tatsächlichen Ausstellungsort, die digital bearbeitet wurden – mehr und mehr entstand durch das Zusammenfügen vieler Aufnahmen ein komplexer Wahrnehmungsteppich aller Arbeiten. Zusammen gebunden wurden die Bilder durch den Kommentar des Kunstwissenschaftlers Dr. Emmanuel Mir, der die Aufgabe übernommen hatte, allein aus Fotos, kurzen Beschreibungen und kleinen Videos einen Eindruck der Arbeiten und der Ausstellung zu vermitteln.
Für die nötige Spannung und Aufregung einer „normalen“ Ausstellungseröffnung sorgten die Digitalspezialisten Gregor Eisenmann, Uwe Wiesemann und Achim Konrad, welche sich mit Lust am Risiko dem fieberhaften Zusammenschneiden und dem kurzfristigen Versenden des gesamten Datenmaterials hingegeben haben, um alles punktgenau in den livestream zu bringen – ein Thriller war nichts dagegen! Natürlich hakte es am ersten Abend an einigen Stellen, Ton und Bild passten nicht immer zusammen, es gab Pausen, manches stolperte und sprozzelte kurz vor sich hin, auch standen noch nicht alle Kommentare zu den Arbeiten. Dennoch war am Ende alles so überzeugend, dass wir unsere Kunstgemeinde vom livestreaming mit uns allen vor Ort überzeugt hatten. Nachdem unsere Nerds durch die Fehler des ersten Abends erst recht auf Hochtouren liefen, lief der zweite Abend richtig rund, ebenso wie der Abend auf der neu gegründeten Wuppertaler Plattform stew.one.
Eine Entdeckung dieser ungewöhnlichen Ausstellungsvorbereitung waren die Videokonferenzen, welche äußerst fröhlich und zudem ein sich anfeuernder thinktank waren. Daher war es naheliegend, das komplette Format dann auch mit einer solchen live-Konferenz am Sonntag enden zu lassen.
Fürs www war die Ausstellung zuende, die webseite und die links bleiben als Archiv. Die nächsten Ideen für einen neuen Digital-Analog-Mix wurden jedoch schon gleich hinter den offline-Türen angebrütet.

30.03.2020 Michaela Kuhlendahl

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